Pädagogische Professionalisierung

Warum Vertrauen wichtig ist

Lehrerin mit Frau im Gespräch

Dass Eltern und Lernende dir vertrauen, ist kein Selbstläufer. Es beeinflusst aber, wie gut die Zusammenarbeit gelingt und welche schulischen Lern- und Entwicklungschancen die Heranwachsenden haben.

Kennst du die Vertrauensstudie?

Die Vertrauensstudie ist eine bundesweite Befragung von Kindern und Jugendlichen, die 2022 durch die Universität Bielefeld im Auftrag der Bepanthen-Kinderförderung unter der Leitung von Prof. Dr. Holger Ziegler durchgeführt wurde. Befragt wurden 831 Kinder zwischen 6 und 11 Jahren, 751 Jugendliche zwischen 12 und 16 Jahren sowie 1250 Eltern. Innerhalb des betrachteten städtischen Bevölkerungsabschnitts ist die Studie repräsentativ.

Untersucht wurden drei Aspekte von Vertrauen

  1. Selbstvertrauen: Vertraut die Person auf sich selbst und glaubt sie an die eigenen Fähigkeiten?
  2. Vertrauen in andere: Vertraut sie anderen Menschen und glaubt sie an ein positives, unterstützendes Umfeld?
  3. Vertrauen in die Zukunft: Vertraut sie auf eine positive Zukunft und glaubt sie an zukünftige Lösungen für sich und die Gesellschaft?

Starkes Mädchen

Was sind zentrale Ergebnisse?

Die Kinder und Jugendlichen

Generell zeigten sich Mädchen deutlich skeptischer als Jungen und Jugendliche misstrauischer als Kinder.

  • 24,5 % der Jugendlichen verfügen nur über geringes Selbstvertrauen.
  • 61,5 % der Jugendlichen haben Angst, etwas falsch zu machen.
  • 39,6 % der Jugendlichen sind nicht davon überzeugt, dass andere gute Absichten haben.
  • 46,3 % der Jugendlichen haben erlebt, dass man sich nicht auf andere verlassen kann.
  • 63,6 % der Jugendlichen vertrauen nicht in andere Menschen.

Die Eltern

Eltern möchten ihre Kinder beschützen. Daher stellen sie infrage, ob andere Menschen gute Absichten haben.

  • 43,1 % sagen, dass man im Umgang mit anderen nicht vorsichtig genug sein kann.
  • 36,3 % finden, dass zu wenig Rücksicht auf sie genommen wird, d. h., sie erleben ihr Umfeld nicht als unterstützend.
  • 30,6 % glauben, dass man ausgenutzt wird, wenn man sich auf andere verlässt.
  • 51,3 % vertrauen nicht in eine faire Behandlung durch Ämter und Behörden.

Eltern beeinflussen das Vertrauen ihrer Kinder

  • 57,3 % der Jugendlichen, deren Eltern anderen Menschen wenig vertrauen, vertrauen anderen Menschen ebenfalls wenig.
  • 21,7 % der Jugendlichen, deren Eltern eher stark in andere vertrauen, vertrauen anderen wenig.
  • 51 % der Jugendlichen vertrauen öffentlichen Einrichtungen wenig, wenn ihre Eltern wenig Vertrauen zeigen.
  • 13,9 % der Jugendlichen, deren Eltern ein hohes Vertrauen in öffentliche Einrichtungen haben, vertrauen öffentlichen Einrichtungen wenig.

Was hat das mit dir als Lehrkraft zu tun?

Schule ist eine öffentliche Einrichtung, die du als Lehrkraft vertrittst. Entsprechend wichtig ist es, dass du das Vertrauen der Eltern und der Schülerinnen und Schüler gewinnst, da davon abhängt, wie gut ihr zusammenarbeiten könnt. Dafür ist es zunächst wichtig, mögliches Misstrauen zu erkennen. Und umso wichtiger ist dann, dass dein Verhalten und deine Haltung konsequent zeigt: Dir kann man vertrauen.

Kümmere dich um das Vertrauen der Eltern

Das Vertrauen der Eltern zu gewinnen ist immer hilfreich. Speziell für Eltern von Kindern mit erhöhtem Förderbedarf ist es aber besonders relevant. Denn einige Eltern wollen den Förderbedarf nicht wahrhaben. Andere sorgen sich, dass ihr Kind richtig gesehen und angemessen gefördert wird. Wieder andere fühlen sich vielleicht sogar ignoriert und abgewimmelt.

 

Elterngespräch

 

Checkliste für Verhalten, das Vertrauen der Eltern fördert

Teilst du den Eltern mit, wann und wie du erreichbar bist?

Bist du erreichbar, wenn Eltern Anliegen haben?

Nimmst du es ernst, wenn Eltern den Verdacht oder die Gewissheit äußern, ihr Kind habe einen Förderbedarf, der durch den Unterricht nicht gedeckt wird?

Beziehst du die Beobachtungen und Einschätzungen der Eltern in deine Arbeit ein?

Findet eine professionelle Förderdiagnose statt?

Sprichst du mit den Eltern darüber, ob sie der Diagnose vertrauen?

Sind die Eltern (und ihr Kind) im gesamten Prozess, also von Diagnose über Förderplanung und Durchführung und Evaluation der Förderung, einbezogen?

Und um das Vertrauen deiner Schülerinnen und Schüler

Ob deine Schülerinnen und Schüler dir vertrauen, hat Einfluss darauf, wie sich ihre Leistungen und ihre Persönlichkeiten entwickeln können.

 

Gespräch mit Schülerin

 

Checkliste für Verhalten, das Vertrauen der Schülerinnen und Schüler fördert

Wendest du dich deinen Lernenden persönlich zu?

Erleben dich die Lernenden als fachlich kompetent und hilfreich?

Verhältst du dich gegenüber Lernenden respektvoll?

Bist du für deine Lernenden offen und umgänglich?

Bist du aufrichtig gegenüber deinen Lernenden?

Literatur

Bepanthen-Kinderförderung (2022): Vertrauensstudie 2022. Angst vor der Zukunft? Jugendliche zwischen gesunder Skepsis und gefährlicher Verschwörungsneigung. (Ergebnispräsentation), URL: https://www.bepanthen.de/sites/g/files/vrxlpx36091/files/2022-08/Bepanthen-Kinderfoerderung_Vertrauensstudie2022_Ergebnispr%C3%A4sentation.pdf, (Zugriff: 18.06.2023).

Bepanthen-Kinderförderung (2023): Vertrauensstudie. Universität Bielefeld. Die Sicht der Eltern im Spiegel ihrer Kinder. (Ergebnispräsentation), URL:  https://www.bayer.com/media/download/4b915baa-c4b4-4b82-a632-7e5173d78849/2023-0115.pdf, (Zugriff: 18.06.2023).

Schweer, M. K. W. / Siebertz-Reckzeh, K. / Hake, R. (2021): Facetten und Konsequenzen von Vertrauen und Misstrauen in der pädagogischen Beziehung, In: G. Hagenauer / D. Raufelder (Hrsg.): Soziale Eingebundenheit. Sozialbeziehungen im Fokus von Schule und LehrerInnenbildung, Doi: 10.25656/01:21355, Münster/New York: Waxmann.

 

Unsere Tipps zum Weiterlesen:

DaZ-Erfahrungsbericht   Interview zum Thema FRESCH   Spannende Forscheraufgaben


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Rollenklarheit für gelingende Elternarbeit

von Barbara Sengelhoff

Elternarbeit

Reflexionsimpulse für deinen Alltag

Als Lehrperson hast du in deinem Beruf viele verschiedene Rollen, gegenüber der Schulleitung, dem Kollegium, deinen Schülerinnen und Schülern, aber auch gegenüber ihren Eltern. Entsprechend viele Hüte hast du zu tragen, manchmal sogar mehrere gleichzeitig.

Rollen

 

Lass mal deine Schulwoche Revue passieren!

Frage dich dazu:

  • Welche Aufgaben habe ich gehabt?
  • Welche Rolle habe ich übernommen?
  • Mit welcher Aufgabe war ich überfordert?
  • Welche Rolle hat gut gepasst?
  • Wie viel Zeit habe ich in verschiedene Rollen investiert?
  • Was war besonders wichtig?
  • Welche Rolle steht an erster/zweiter/dritter Stelle?

In der Reflexion wird die Vielfalt deiner Aufgaben und die Vielfalt deiner verschiedenen Rollen klar. Viele der Aufgaben sind so wichtig, dass sie keinen Aufschub vertragen. Einige aber schon und das ist im Sinne der Stressreduktion und Prävention von Burnout ratsam. Dein gutes Zeitmanagement entlastet!

Welche Rollen spielst du gegenüber den Eltern?

Frage dich, welche Rollen du ihnen gegenüber einnimmst: Elternberatung, vielleicht auch Geldeintreiber oder Tröster, manchmal auch Therapeutin und Eheberatung, und dann …

Reflektiere jetzt für jede Rolle, inwiefern sie zur einer gelingenden Zusammenarbeit beiträgt. Vielleicht braucht es manche Rollen an weniger Stellen oder gar nicht. Vielleicht sind manche sogar kontraproduktiv. Das lässt sich kaum pauschal bewerten, lohnt aber immer mal einen prüfenden Blick.

Update für deine Elternkommunikation

Gute Zusammenarbeit mit Eltern lässt sich mit einem Brückenbauprojekt vergleichen. Du kannst es gut durch Abgrenzung strukturieren. Elterngespräche sind (außer in einem absoluten Notfall) planbar und du kannst die Kommunikation und die Kommunikationswege mit den Eltern transparent strukturieren.

Behalte dabei deinen eigenen Zeitplan im Blick, denn auch deine eigene Belastbarkeit und Grenzen erfordern die Organisation der eigenen Arbeitszeit: Vereinbare Sprechstunden zu festen Zeiten und vereinbare auch die individuell passenden Kommunikationswege. Dann ist dein Brückenpfeiler stabil.

Um den Brückenbau zu meistern, muss aber auch der Brückenpfeiler auf Elternseite stabil sein. Nimm dazu auf besondere Bedürfnisse der Eltern Rücksicht: Wann ist der Weg in die Schule organisierbar? Werden Dolmetscherinnen/Dolmetscher benötigt? Sind beide Erziehungsberechtigten informiert?

 

Checkliste für Absprachen mit Eltern

Elternanrufe am Wochenende? o ja      o nein
Elternanrufe in den Ferien? o ja      o nein
Elternschreiben per Social Media? SMS? o ja      o nein
E-Mails der Eltern? o ja      o nein
Tür-und-Angel-Gespräche? o ja      o nein
Bin ich immer erreichbar? Muss das sein? o ja      o nein
Sind die Eltern immer erreichbar? o ja      o nein


Welche Informationen kann ich auf anderen Wegen vermitteln (z. B. Newsletter, Homepage, Wochenbrief)?

 

Konstruktive Elternarbeit

Nicht ohne mich über mich!

Wenn es im Elterngespräch um das Kind geht und beispielsweise Vereinbarungen zu Förderbedarf und -maßnahmen getroffen werden, ist ein hilfreiches Motto: „Nicht ohne mich über mich!“ Das wünschen sich die meisten betroffenen Kinder und ihr Wunsch nach Partizipation ist selbstverständlich.

TIPP

Denke daran, die Begegnungen, Absprachen und Beratungen immer (knapp) zu dokumentieren. Das schafft bei allen Beteiligten mehr Verbindlichkeit.

 

Die Autorin

Barbara Sengelhoff

Foto © privat

Barbara Sengelhoff

Rektorin i. R., war Lehrerin und Schulleiterin an einer reformpädagogischen, inklusiven Schule in Köln. Sie ist Schulentwicklungsbegleiterin und Referentin, Lehrbeauftragte in der Lehramtsausbildung (aktuell für die Universität Hamburg) sowie in Qualifizierungsmaßnahmen für Erzieherinnen und Erzieher. Sie ist Autorin von Unterrichtsmaterialien und zahlreichen Veröffentlichungen in Fachzeitschriften. Ihre Schwerpunkte sind sowohl die Rechte auf Bildung und Teilhabe (individuelle Förderung) als auch die Partizipation im schulischen System (Kooperation mit den Erziehungsberechtigten).

 

Unsere Tipps zum Weiterlesen:

Weihnachten   Grundvorstellungen aufbauen   LRS Diagnose


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