Lesen in der Grundschule –
Der Leselernprozess

Annas Tafelzauber Blog

von Anna Gießer

21.05.2024

Kinder lesen Buecher

In der Literatur finden sich viele verschiedene Leselernmodelle. Ich möchte dir heute einen zusammengefassten Einblick in meine Erfahrungen im Leselernprozess mit Kindern geben. Dabei greife ich verschiedene Ansätze von (1) Thomé, (2) Valtin und (3) Mayer auf. Wenn du dich in ein spezielles Leselernmodell vertiefen möchtest, empfehle ich dir, dazu in der Literatur zu recherchieren.

Der Leselernprozess


Ich fasse den Leselernprozess, wie auch in den meisten Modellen, gerne in Stufen zusammen, um diesen übersichtlich darzustellen. Wie bei allen anderen Fertigkeiten, die die Kinder in der Grundschule erlernen, ist der Leselernprozess bei jedem Kind individuell zu betrachten. Jedes Kind kommt mit unterschiedlichen Voraussetzungen und Vorkenntnissen in die Schule und durchläuft die einzelnen Phasen des Lesens unterschiedlich schnell. Außerdem sind die aufgelisteten Stufen nicht isoliert zu betrachten.

Stufen des Leselernprozesses:

  • Phonem-Graphem-Zuordnung
  • Synthetisches Lesen
  • Automatisieren von häufigen Wörtern/Wortteilen
  • Sinnerfassendes Lesen
  • Textreflexion


Ich möchte dir nun die einzelnen Stufen des Leselernprozesses genauer vorstellen und Übungen zeigen, die ich in meiner Klasse durchgeführt habe oder im LRS-Training anwende.


Phonem-Graphem-Zuordnung


In der ersten Klasse ist neben dem Training der phonologischen Bewusstheit auch das Erlernen der Buchstaben ein großer Bestandteil des Deutschunterrichts. Beim Schreiben müssen die Kinder gehörte Laute (Phoneme) in Buchstaben (Grapheme) umwandeln und aufschreiben, wohingegen sie beim Lesen geschriebene Buchstaben (Grapheme) in gesprochene Laute (Phoneme) umwandeln müssen. Dazu muss die Phonem-Graphem-Zuordnung gefestigt werden. Hier wird gezeigt, dass die Stufen des Leselernprozesses nicht isoliert betrachtet werden dürften, denn das synthetische Lesen kann bereits beginnen, auch wenn noch nicht alle Phoneme und Grapheme beherrscht werden.

Übungsmöglichkeiten:

  • Phonologische Bewusstheit: Sprechen, Hören, Reimen, Laute hören, Silben schwingen usw.
  • Buchstaben mit allen Sinnen und Wahrnehmungsbereichen erarbeiten
  • Schwa-Laute (z.B. das „e“ in dem Wort „alle“) erarbeiten

 

Synthetisches Lesen


Je nachdem mit welcher Fibel und nach welcher Methode du arbeitest, kann diese Stufe unterschiedlich aussehen. Beim synthetischen Lesen wird Buchstabe für Buchstabe zusammenlautend gelesen. Dadurch können neue, unbekannte Wörter erlesen werden. Dies ist allerdings ein recht aufwendiger Prozess, deshalb ist das Automatisieren von häufigen Wörtern und Wortteilen wichtig, um später schneller und flüssiger lesen zu können.

Synthetisches Lesen

Übungsmöglichkeiten:

  • Quatschwörter/Fantasiewörter lesen
  • Zusammenlautend lesen (Silbenrutsche als Unterstützung)
  • Silben lesen
  • Leseteppiche
  • Wörter auf- und abbauen

 

Automatisieren häufiger Wörter/Wortteile


Die direkte Worterkennung oder das Automatisieren von Wortteilen/Silben erleichtert das Lesen von längeren Wörtern, Sätzen und Texten. Dadurch können Wörter schneller erfasst werden. Das Lesen funktioniert schneller und flüssiger und ermöglich dadurch in weiterer Folge das Gelesene auch zu verstehen.

Automatisieren haeufiger Woerter

Übungsmöglichkeiten:

  • Blitzlesen von häufigen Wörtern
  • Silbenlesen
  • Zusammengesetzte Wörter
  • Wortbausteine
  • Phonogrammdosen

 

Sinnerfassendes Lesen


Beim sinnerfassenden Lesen soll der Inhalt des gelesenen Wortes/Satzes oder Textes verstanden und wiedergegeben werden können. Du kannst dir sicherlich vorstellen, dass dies, vor allem bei längeren Sätzen und Texten, nur funktionieren kann, wenn das Kind flüssig genug lesen kann. Liest das Kind stockend oder nicht zusammenlautend, wandert die gesamte Konzentration des Kindes in die Übersetzung der Grapheme in Phoneme. Für das Kind ist es dann nicht möglich das Gelesene auch noch zu verstehen. Für Kinder mit nicht deutscher Erstsprache stellt das sinnerfassende Lesen ebenso eine große Hürde dar, auch wenn das Lesen von Wörtern und Sätzen bereits flüssig beherrscht wird.

Sinnerfassendes Lesen

Übungsmöglichkeiten:

  • Wörter/Sätze zu Bildern ordnen
  • Fragen zu einem Text beantworten
  • Bewegungsaufträge/Leseaufträge
  • Überschriften zu Texten finden
  • Geschichten mündlich zusammenfassen
  • Wortschatzerweiterung

 

Textreflexion


Mit der letzten Ebene „Textreflexion“ meine ich vor allem das Kennenlernen verschiedener Textsorten, das Reflektieren und Vergleichen von Texten, das „Lesen zwischen den Zeilen“.

Diese Stufe ist vor allem in der 4. Klasse Grundschule relevant.

Übungsmöglichkeiten:

  • Verschiedene Textsorten kennenlernen
  • Texte vergleichen, reflektieren
  • Texte unterschiedlich lesen
  • Mind Maps zu Texten gestalten

 

Ich hoffe dir hat der Einblick in den Leselernprozess gefallen.

 

Quellen:

  • Thomé, G. (2023): Abc und andere Irrtümer über Orthographie, Rechtschreiben, LRS/Legasthenie. Harte Fakten, wissenschaftlich untermauert, locker dargestellt. Oldenburg: isb-Fachverlag.
  • Valtin, R. (1997): Stufen des Lesen- und Schreibenlernens. Schriftspracherwerb als Entwicklungsprozeß. In: Haarmann, D. (Hg.) Handbuch Grundschule. Weinheim u. Basel: Beltz, 76-88
  • Mayer, A. (2018): Gezielte Förderung bei Lese- und Rechtschreibstörungen. München: Ernst-Reinhardt

 

Anna Gießer

Ich bin Anna, leite mein eigenes Nachhilfeinstitut, gebe Legasthenie- und Dyskalkuliestunden und halte vielfältige Workshops und Fortbildungen. Meine Schwerpunkte liegen in der Förderung, da ich neben meinem Studium die Ausbildung zur Legasthenie- und Dyskalkulietrainerin absolviert habe. Zudem habe ich bereits als Volksschullehrerin in Österreich gearbeitet und eine erste Klasse unterrichtet. Auf meinem Instagram-Profil "Annas Tafelzauber" kannst du mehr über mich erfahren.